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Fußball & Glaube

Posted by Alexander Garth on

Alle vier Jahre werde ich zum Fußballfan. Immer so um die Zeit der Weltmeisterschaft, ich weiß nicht, was da in mich fährt? Eigentlich bin ich ein totaler Fußballmuffel. Aber kaum nahen die WM-Spiele, ändere ich mein Leben. Es ist wie eine Bekehrung. Ich trage alle wichtigen Spieltermine in meinen Kalender ein und organisiere mein Leben um diese Spielzeiten herum. Ich habe im Grunde genommen keinen blassen Schimmer von Fußball. Daher lese ich wochenlang vorher die Bild-Zeitung. Dieses Boulevardblatt erklärt mir sehr simpel gemäß meinem geistigen Fußballniveau, was ein Abseits ist, wer die coolsten Spieler sind, welche Mannschaften welche Chancen haben. Andere Zeitungen sind mir zu kompliziert. Nach zwei Wochen Bild-Lektüre kann ich mitreden. Ich klinge wie ein richtiger Fußballfreak. Ich kombiniere und wiederhole einfach, was ich lese. Und ich habe ein großartiges Gefühl: Ich bin ein Teil der weltweiten Fußballgemeinde.

Eigentlich kommt es noch verrückter. Ich missioniere die Menschen um mich herum für deutschen Fußball. Ich breche Gespräche vom Zaun wie „Wer ist Ihr WM-Favorit?“ „Haben Sie das Foul von Spieler Bla bla gesehen? Was soll man dazu sagen!“ Bei der letzten WM habe ich sogar eine Predigt zum Thema „Fußball“ gehalten und viele verblüfft mit meinen „Insiderkenntnissen“. Ich habe niemandem verraten, dass ich keine Ahnung habe und lediglich mit meinem angelesenen Wissen aus der Bild-Zeitung jonglierte.

Und dann die wichtigsten Spiele. Da darf man nicht zu Hause hocken. Wenn man schon nicht live in Brasilien dabei sein kann, dann wenigstens beim Public Viewing. Da packt mich die Leidenschaft pur. Ich feuere meine Mannschaft an. Ich stöhne wie ein Sterbender, wenn eine Torchance vertan wird. Ich jubele, wenn meine Mannschaft einen Treffer erzielt. Und nach vollbrachtem Sieg liege ich wildfremden Menschen im Arm. Meine Fußballgemeinde beim Public Fewing: Wir applaudieren, schreien, singen, tanzen.

Vor einiger Zeit besuchte ich einen Gospelgottesdienst in einer Afroamerikanischen Kirche irgendwo in Florida. Da ist mir diese Leidenschaft wieder begegnet, die ich bei der WM getroffen hatte. Mit erhobenen Händen singen die Menschen ihre Hymnen, begleitet von einer unglaublich groovigen Band. Und die Predigt, das ist keine artig gesetzte akademische Rede, wie ich sie aus meiner Kirche kenne. Nein, es ist diese emotionale und erregte Sprechweise eines Fußballmoderators, wenn er ein Spiel für die Hörer am Radio kommentiert. Die Leute in dieser Kirche in Florida, sie klatschen, schreien und jubeln. Sie rufen dazwischen „Yes, Amen“ „Go on, brother“. Und je begeisterter der Pastor spricht, um so lauter werden die Zwischenrufe und Kommentare. Und bei den Worten „Und dann am Ostermorgen zerbrach Gott die Macht des Todes, als er Jesus aufweckte“, da springen die Leute auf und beginnen spontan zu singen „He is alive“ (er lebt); und die Band setzt ein und die Gemeinde tanzt. Ein dicker Schwarzer umarmt mich. Ich selber habe Tränen in den Augen, weil ich so erfasst bin von der Freude, dass Jesus nicht tot im Grab geblieben ist.

Wieder zu Hause habe ich einigen Freunden von diesem Gottesdienst erzählt. Sie sagen: „Ja okay, die Afroamerikaner, denen liegt das Temperament im Blut. Aber in einer deutschen Kirche wäre so ein gefühlsdusseliges Verhalten einfach nur peinlich.“

Ich erwidere: „Wieso peinlich? Im Fußballstadion oder beim Public Viewing da kannst du auch diese emotionale Begeisterung erleben. Und das sind Deutsche, die da jubeln, stöhnen, singen, schreien.“

„Ja, aber das ist Fußball. Da sind die Leute begeistert.“

Ich sage: „Wie, und über Gott dürfen wir Deutschen nicht begeistert sein?“ Und ich nehme mir vor, dass ich als Besucher mitten im nächsten Ostergottesdienst meiner Kirchgemeinde aufspringe und lautstark jubele über das leere Grab und den auferstandenen Christus. Wahrscheinlich werde ich mich nicht trauen, wenn es dann so weit ist. Oder vielleicht doch? Es geht schließlich um Jesus, nicht um irgend eine Fußballmannschaft, an die in hundert Jahren keiner mehr denkt.

                                                                                                                     Alexander Garth

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