Vineyard Blog

Ich bin ein radikaler Zweifler

Posted by Alexander Garth on

O ja, ich bekenne mich dazu. Ich zweifele. Ich bin ein zweifelnder Christ. Ich meine nicht den Zweifel an mir selbst, der mich gelegentlich befällt und von dem einige meiner Mitmenschen sagen, dass er durchaus eine positive Wirkung auf mich hätte. Nein, ich zweifele an Gott. Jawohl. Aber anders als der Atheist. Zweifel kommt von zwei. Wer zweifelt, ist hin und her geworfen zwischen zwei Glaubensaussagen, z. B. zwischen folgenden Aussagen:

Aussage eins: Ich bin von Gott geliebt, gewollt, geschaffen. Basta. Meine atheistischen Freunde wollen an dieser Stelle Beweise. Woher willst du das wissen, dass es Gott gibt und dass er (ausgerechnet) dich mag. Hm. Beweise habe ich nicht. Gott kann man nicht beweisen.

Aussage zwei: Ich bin ein Zufall, eine Laune der Natur. Das Leben hat sich zufällig aus kruder Materie entwickelt. Aus grünem Urschleim wurde über eine lange Zeit, über Einzeller und Ur-Maus  das, was heute als Menschen über diesen schönen Planeten läuft. Klingt, oberflächlich betrachtet, auch ein bisschen logisch. Nicht sehr schmeichelhaft, aber zumindest gibt’s dafür eine Theorie, die allgemein anerkannt ist, die Evolutionstheorie. Aber funktioniert die ohne Gott?

Zweifeln geht so:  Ich glaube, dass ich geliebt bin. Ach nein, wieso ich? Gott und diese Welt, so viel Elend, das passt nicht zusammen. Gott kann es nicht geben. Aber dagegen, der Glaube tut dir gut und setzt Kräfte frei. Ach was, auch Atheisten führen oft ein gutes Leben. Und überhaupt, wenn es Gott gibt, wieso macht er sich dann so rar in meinem Leben, in dieser Welt? He, hast du vergessen, wie großartig du Gottes Liebe und Realität erfahren hast? Was denn, das kann man auch psychologisch erklären. Jeder Seelenklempner kann das. Und überhaupt, das Leid dieser Welt und die Fehler und Sünden der Kirche? Glaubst du wirklich, dass ein Gott, wie du ihn predigst, das erlauben würde?

So ungefähr klingt der innere Dialog des Zweifelns. Glaubensaussage steht gegen Glaubensaussage. Sie kämpfen miteinander. Jede will die Herrschaft in meinem Kopf und in meinem Leben. Viele Menschen zweifeln mit guten Gründen die Aussage eins (also dass es Gott gibt und wir geliebt sind) an. Schließlich ist Gott, trotz aller intelligenten Versuche, nicht beweisbar. Aber was ist mit Aussage zwei? Dass es Gott nicht gibt, ist das beweisbar? Fehlanzeige. Das ist ebenfalls eine unbeweisbare Aussage.

Und hier setzt der radikale (von radix – Wurzel) Zweifel ein. Jawohl, ich bin ein radikaler Zweifler. Ich zweifle meinen Zweifel an. Der wahre Zweifler zweifelt am Zweifel. So einer bin ich! Es gibt viele vernünftige Gründe, die Aussage anzuzweifeln, dass es keinen Gott gibt, dass das Leben sich zufällig aus toter Materie hochevolutioniert hat, dass der Mensch nichts weiter als eine hochentwickelte Biomaschine ist. An diesem Glauben zweifele ich mit Herz und Hirn.

Wie kann man eigentlich vernünftig zweifeln? Gibt es so etwas wie eine Zweifelshilfe? So nach dem Motto: „Wir helfen ihnen zweifeln“? Der Zweifel ist zwar wichtig, aber als permanenter Zustand, als grundsätzliche Lebenshaltung kann er uns das Leben gründlich versauen. Auf dem Sumpf des Zweifels kann man nicht das Haus seines Lebens bauen. Dafür braucht man ein festes Fundament, das trägt. Gott kann man nicht beweisen. Das Gegenteil noch weniger. Da beide Überzeugungen, offensichtlich unbeweisbar sind, brauche ich ein paar andere vernünftige Kriterien, um mich für diese oder jene Glaubensüberzeugung zu entscheiden: Beim zweifeln an meinem Zweifel helfen mir einige Fragen: Was macht eigentlich diese oder jene Glaubensaussage mit mir? Wenn es keinen Gott gibt, was bedeutet das für mein Leben? Und umgekehrt: Wenn es Gott gibt, wenn er durch Jesus zu uns kam, was hat das für Auswirkungen auf mein Leben? Wer bin ich ohne Gott und mit Gott? Wenn der Atheismus stimmt, was sagt das über mich aus? Was hilft mir, ein besserer Mensch zu werden? Was macht mein Leben sinnvoll?

Und mitten in meinem radikalen Zweifel, der alles anzweifelt, auch meinen Zweifel, sage ich mit dem alten Philosophen Descardes: Cogito ergo sum – Ich denke, also bin ich. Und ich sage noch mehr: Cogito ergo credo – Ich denke, also glaube ich.

Comments

Name: